GESANGVEREIN LIEDERKRANZ 1840 DORNHOLZHAUSEN
GESANGVEREIN LIEDERKRANZ 1840 DORNHOLZHAUSEN

Die Chronik

Festrede zum Festkommers Mai 2015

Vom Männergesangverein zum gemischten Chor

 

Woran liegt es, dass ein Verein 175 Jahre bestehen kann? Dass er Höhen und Tiefen übersteht? Als Tiefen können wir sicherlich die 2 Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise 1929 und den immer mal wiederkehrenden Mitgliederschwund ansehen.

Ich bin überzeugt, dass die Freude am gemeinsamen Gesang ein wesentlicher Faktor ist, ein zweiter wird bei den Chorleitern zu suchen sein und als drittes – die Verbundenheit mit dem Ort, der Wunsch, dort zu gestalten und zu prägen?

Vor 175 Jahren wurde dieser Gesangverein ‚zum Liederkranz Dornholzhausen‘ als vierstimmiger Männerchor gegründet. Seine Ziele waren:
Gemeinschaft im Singen, Geselligkeit im vertrauten Kreis und Pflege des nationalen Kulturguts.

Diese Ziele haben sich offensichtlich bewährt. Das möchte ich Ihnen in einem kurzen Rückblick auf 175 Jahre Vereinsgeschichte zeigen.

 

Die Gemeinschaft im Singen

Die Gemeinschaft im Singen wurde in wöchentlichen Proben gepflegt. Man traf sich meist in den örtlichen Gasthäusern. Dort war Raum und Gelegenheit, nach dem Singen miteinander zu reden und zu zechen. Das diente dem Zusammenhalt. Man tauschte sich aus, erfuhr neben vielem Unnützen auch so manches Nützliche.

Durch den Brand des Hotel Scheller 1867 verlor der Verein sein gesamtes Inventar, aber nicht den Mut. Denn es gab eine Lösung. Das Vereinshaus. Fritz Bertalot, ein aktiver Sänger, hatte das Haus 1864 erworben. Ursprünglich war es als Unterkunft für bedürftige Vereinsmitglieder gedacht. Doch in dieser Notlage diente es erst mal als Probenquartier.

Dieses Haus steht noch heute und ist jetzt in Privatbesitz. Eine 2014 restaurierte Tafel am Haus ‚L’UNION FAIT LA FORCE‘ (Einigkeit macht stark) erinnert an die Entstehungsgeschichte. Unser Chor begleitete letztes Jahr die Zeremonie musikalisch.

 

Geselligkeit im vertrauten Kreis

Der Verein gestaltete das Gemeinschaftsleben in Dornholzhausen überraschend vielfältig mit. Neben den öffentlichen Auftritten als Männergesangverein organisierte er ‚Bälle mit Abendunterhaltung‘ oder ‘Theatralische Abendunterhaltungen‘ mit Gesang.

Im Protokoll der Vereinsversammlung vom 9. April 1874 wurde zunächst das Gesangsprogramm für eine Veranstaltung am 20.4.74 abgestimmt: Ein Frühlingsprogramm zu Ehren der Natur und der damit verbundenen Gefühle.

Die weiteren Vorbereitungen für den Tanz und die gesellige Unterhaltung wurden dem Präsidenten überlassen. Die gesellige Unterhaltung hatte den Titel ‚Barbier und Nachtwächter‘.

Aber nicht nur für gesellige Unterhaltung in Dornholzhausen stand der Gesangverein Liederkranz 1840, sondern auch für vaterländische Aufgaben: Einprägsames Beispiel: nach Ende des deutsch-französischen Kriegs 1870/71 verpflichtete die Gemeinde den Verein, die Friedensfeier auszurichten. So pflanzte er eine Friedenseiche und errichtete 1886 den Friedensstein, das Kriegerdenkmal, das sich heute auf dem Friedhof in Dornholzhausen befindet.

Anfang Januar 1911 verzeichnet das Protokoll den Beschluss, keinen Ball abzuhalten. Stattdessen soll ein gemeinschaftlicher Ausflug im Sommer stattfinden, der von der Vereinskasse bezuschusst werden soll.

Bis zum Beginn des 1. Weltkriegs war der Gesangverein eine konstante Größe im Dorfleben.

Doch der Militärdienst vieler Mitglieder unterbrach das chorische Miteinander drastisch. Viele Sänger kamen nicht mehr zurück, zwar traten jüngere Männer dem Verein bei, aber die Phase des großen Wachstums war beendet. Erst 1919 wurden die Chorproben wieder aufgenommen.

Das 80jährige Bestehen wurde 1920 in großem Rahmen gefeiert, war es doch zugleich 50jähriges Fahnenjubiläum. Während der 20iger Jahre konnte der Gesangverein seine Größe halten.

Die 90jährige Jubiläumsfeier 1930 fiel kleiner aus, die allgemeine Lage kurz nach dem Börsencrash Okt. 1929 lud nicht zum Feiern ein.

 

Wie verhielt sich der Verein im ‚Dritten Reich‘?

Die beiden Protokolle vom Juni 33 sind aufschlussreich:

Im Protokoll vom 8. Juni 1933 wird festgehalten, dass “unser Verein den Herrn Reichsminister Hermann Göring abends 10 ½ Uhr an der Kreuzung Adolf Hitler-Str. Lindenstr begrüßte.“

Die Übernahme der politischen Macht durch die Nazis im Jan.1933 führte schon im Juni zu einem Dirigentenwechsel. Dazu findet sich im nächsten Protokoll vom 29.6. 1933 ff. Eintrag:

Dirigentenwechsel! Durch Verordnung musste mit dem heutigen Tag unser bewährter Dirigent Herr Emil Kurländer sein Amt niederlegen. Als der Verein dieses zur Kenntnis nahm, zog er seine Fahne auf Halbmast. Herr Emil Kurländer übernahm den Verein 1926 und hat sein Amt als Dirigent dieses sieben Jahre zur vollsten Zufriedenheit des Vereins ausgeführt. Er war Idealist und mit unserem Verein familiär verbunden. Dadurch wirkte sein Ausscheiden auf den Verein und seine Anhänger deprimierend. Er empfahl uns auch einen neuen Dirigenten, der seinen Stab in seinem Sinne weiterführen soll. Es ist Herr Ruppertz aus Bad Homburg, welcher sein Amt am 1.7.33 antritt. Sein letztes Lied, was wir unter seiner Stabführung sangen, war: ‚Oh wie herbe ist das Scheiden‘ von Friedrich Silcher. Wir werden sein Andenken stets in Ehren halten.“

Der Widerstand gegen den Dirigentenwechsel zeigte sich wenigstens in der Fahne auf Halbmast. Das war mehr Zivilcourage als zu erwarten in einem Regime, das zwar erst kurz an der Macht, aber mit Brachialgewalt die eigene Linie durchsetzte.

Der 2. Weltkrieg unterbrach erneut das gemeinsame Singen. 1941 wurde der letzte Sänger eingezogen, der Chor verstummte.

 

Neubeginn

Nach dem Kriegsende wollten sich die Überlebenden wie gewohnt im Gesangverein treffen. Im Jan.47 wurde ein neuer Vorstand gewählt. Der musste aus Männern mit ‚weißer Weste‘ bestehen, die beim Landrat und der amerikanischen Militärregierung die Genehmigung des Vereins ‚Liederkranz Dornholzhausen1840‘ beantragen konnten. Im Antrag wurde betont, dass sich der Verein von jeher nicht politisch betätigt hätte. Ihm gar von der Ortsgruppenleitung in der Vorkriegszeit mit Auflösung gedroht worden war. Vor allem aber, dass die Mitglieder des neugewählten Vereinsvorstands keine Mitglieder der NSDAP waren. Das waren unabdingbare Voraussetzungen für die Genehmigung zur Vereinsarbeit.

Im Antrag wird weiter ausdrücklich festgehalten, dass sich der Verein in Zukunft, in keiner Weise politisch betätigen wolle.

Die amtliche Genehmigung wurde erteilt und seit März 47 war der Verein wieder aktiv.

Nach dem 2. Weltkrieg zählten wieder traditionelle Werte wie Familie und Heimat. Die Freude am gemeinsamen Singen hatte der Krieg nicht zerstören können. Die Zahl der Sänger stieg kontinuierlich. Der Chor nahm nun an Freundschafts- und Wertungssingen teil, und das auch überregional. Er war damit sehr erfolgreich. 1957 ehrte der damalige Bundespräsident Theodor Heuss in Köln den Gesangverein ‚Liederkranz 1840 Dornholzhausen‘ für seine Leistungen mit der höchsten Auszeichnung für Chöre: der Zelterplakette. Das war ein Höhepunkt in der Geschichte des Chors.

Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre entwickelte sich eine neue Freizeitkultur. Das Fernsehen gewann an Bedeutung und vor allem die 68-Bewegung änderte die Einstellung zu dem Vereinswesen. Allgemein geriet die Sängerbewegung in eine Krise, weil sie der jüngeren Generation oft als konservativ und kitschig erschien. Die hatte kein Interesse am Vereinsleben.

Das war auch der Fall in Dornholzhausen: die dörfliche Struktur verschwand zusehends. Es gab ein großes Neubaugebiet. Dort fand sich kein sangesfreudiger Nachwuchs mehr. Die Altersstruktur des Chores veränderte sich. Die Rahmenbedingungen verschlechterten sich. Es gab keine verlässlichen Probenlokale. Die Zahl der Sänger schrumpfe bis auf 10 Aktive. Für die konnte kein Chorleiter gefunden werden.

1974 bestand der Gesangverein nur noch aus 5 Sängern. Man traf sich dennoch einmal wöchentlich, sang zur Gitarre oder zur Mundharmonika. Zur Werbung von Mitsängern gingen die Männer zu Geburtstagen und brachten Ständchen dar. Sie verdienten sich damit Wohlwollen, warben aber keine neuen Sänger. Die Idee mit dem Gesangverein Oberstedten zu fusionieren, schien auch nicht optimal.

Schließlich entschieden sich die Sänger für die Erweiterung des Chores mit Frauen. Können Sie sich vorstellen, was das für einen Bruch im Selbstverständnis der Sänger bedeutete? Der 1. Tenor musste seine bis dahin stimmführende Rolle abgeben! Aber der Wunsch, wieder in größerem Rahmen zu singen, überwog die persönlichen Vorbehalte. Herr Bachmann, der letzte Zeitzeuge dieser Phase des Chores, ist heute hier unter uns. Er kann aus eigener Anschauung diese Rettungsaktion beschreiben.

Zunächst überzeugten die 5 Aufrechten ihre eigenen Frauen. Danach fanden sie bald einen Chorleiter. Seitdem wuchs der Chor auf knapp 40 aktive Sänger und behielt ungefähr diese Größe.

Die Verbundenheit mit Dornholzhausen ist geblieben. Die meisten Aktiven stammen aus dem Stadtteil. Es gibt regelmäßige Auftritte in der Waldenserkirche zum Totengedenktag und im Advent, im Altenheim und im Sommer sogar im Kurpark.

 

Die Pflege des nationalen Kulturguts drückt sich im Repertoire aus. Es wird überwiegend vom Chorleiter festgelegt. Er erkennt, was die Sänger stimmlich leisten können und sucht dementsprechende Stücke aus. Sieht man die Liste der Chorleiter durch, dann fällt auf, dass bis nach dem 1. Weltkrieg überwiegend Lehrer als Chorleiter fungierten. Zwei von ihnen über eine Periode von 27 (!) Jahren.
Der 1. Chorleiter, Lehrer Leidecker, war einer dieser beiden. Er unterrichtete an der hiesigen Dorfschule und spielte sonntags die Orgel. Oft schrieb er die Notenblätter für die Sänger. Selbst wenn sie die nicht lesen konnten, konnten sie daran doch den Melodieverlauf, den Einsatz der 4 verschiedenen Stimmen nachvollziehen.

Das älteste Dornholzhäuser Liederbuch stammt von 1842. Die anderen noch erhaltenen stammen aus den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Alle diese Bücher weisen ein großes Liedspektrum auf: vaterländische Lieder über Trink-, Rhein- und Waldlieder bis hin zu Wander-, Liebes-, Heimat-, Abend- und geistlichen Liedern. Viele Lieder haben patriotischen Charakter, vor allem die Kriegs- und Soldatenlieder.

Seit 2008 leitet Frau Bettina Kaspary unseren Chor. Sie ist die erste Frau, der dieses Amt überlassen wurde. Wir sind alle sehr von ihr überzeugt und hoffen, dass Sie uns noch lange fördern und fordern wird.

Unser heutiges Repertoire ist nicht so martialisch orientiert. Wir singen quer Beet: Klassisches, aus der Renaissance, Volkslieder, Schlager und Pop. Zum 175 j. Jubiläum klingt es eher humorvoll, wenn wir aus der Oper ‚Zar und Zimmermann die Wünsche eines Laienchors, sich gut zu präsentieren, vortragen. In den Nöten des Laienchors erkennen wir uns selbst.

 

Zum Schluss möchte ich noch kurz auf die Rolle der Frauen im Chor eingehen

Zunächst waren die Frauen wie selbstverständlich in der Rolle der im Hintergrund wirkenden Unterstützerinnen von Bedeutung. Eine Fahne sollte den Verein nach außen hin vertreten. Wer nähte und stiftete sie? Frauen. Wer kam zu den Konzerten und beklatschte die Leistung der Sänger? Frauen. Wer hellte optisch das Bild der schwarzgekleideten Sänger bei der Feier zum 70jährigen Bestehen des Gesangvereins auf? 18 weiß gekleidete Frauen. Wer erledigte in all den Jahren die Arbeit hinter der Bühne? Dreimal dürfen Sie raten! Wer rettete schließlich Ende der 70er Jahre den Verein vor dem endgültigen Aus? Nun? Die Männer gaben sich einen Ruck, änderten ihr Statut und damit wurde 1978 der gemischte Chor mit nur einer Stimme Mehrheit gegründet.

Heute sind die Frauen unangefochten in der Mehrzahl und ohne unsere rührige Vereinsvorsitzende Ingrid Brückner und ihre stimmstarke Familie, können wir uns das Vereinsleben gar nicht mehr vorstellen.

Lassen sie mich einen Blick in die Zukunft des Chors werfen.

Ich kann nicht orakeln. Ich sehe nur, dass wir wie viele andere Vereine Nachwuchssorgen haben. Doch solange die Freude am gemeinsamen Singen und am geselligen Beisammensein im Anschluss an die Proben besteht, geht es hier bei uns in Dornholzhausen weiter.

Ich bin sicher, dass wir aus der Geschichte des Vereins Kraft schöpfen können, weiter zu machen und neue Wege zu probieren.

Bis zum 200j. Jubiläum sind es nur noch 25 Jahre. Die gehen wir optimistisch an.

Petra Gabel

9. 5. 2015

 

150 Jahre Gesangverein 1990